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Warum Wildnis in der Großstadt?

Eine Kampagne für mehr Wildnis in der Großstadt?? Ein mancher wird sich dabei fragen, ob der BUND Berlin ein bißchen die Maßstäbe verloren hat. Eine Wildniskampagne in einer Stadt durchzuführen, wo die Parkanlagen verlottern und vermüllen und abgestorbene Straßenbäume nicht ersetzt werden können, weil den Grünflächenämtern das Geld fehlt und wo eine Kleingartenanlage nach der andern planiert und bebaut wird. Gibt es für den Naturschutz in Berlin nichts wichtigeres zu tun?

Ungeachtet der allgemeinen Verwirrung, was der Begriff überhaupt bedeuten soll, gehört auch nach der Meinung vieler Naturschützer Wildnis einfach nicht in die Stadt. Hier muß Natur gepflegt und gehegt werden! Wildnis soll in Nationalparken oder Biosphärenreservaten stattfinden, z.B. im Harz und im Bayrischen Wald. (Dort wollen aber die meisten Anwohner auch keine Wildnis!).
Schließlich muß nach der landläufigen Meinung Wildnis in Mitteleuropa zwangsläufig sowieso nur auf kleine Areale begrenzt bleiben. Zu hoch ist der Nutzungsdruck auf fast die gesamte Fläche unseres Landes. Und Großstädte sind nun mal Gebiete mit dem intensivsten menschlichen Einflüssen überhaupt. Warum dann also Wildnis in der Stadt?

Andererseits: wer sich noch an die 70er und 80er Jahre erinnert, wird wissen, daß Berlin geradezu fast unbegrenzte Freiflächen im Stadtgebiet aufwies. Durch Krieg und Teilung verursacht, war auf ungenutzten Trümmerflächen, Eisenbahn- und Industriebrachen eine Stadtwildnis ganz eigener Art entstanden. Man kann fast sagen, dass durch Prof. Sukopp vom Institut für Ökologie der TU, der den ökologischen Wert dieser Flächen als erster erkannte, die Stadtwildnis überhaupt erst salonfähig gemacht wurde. Das Südgelände, das vor einiger Zeit unter Naturschutz gestellt wurde, ist der bekannteste Rest einer ehemals ausgedehnten "Reichsbahn-Wildnis", quasi ein von selbst entstandenes Biotopverbundsystem quer durch die ganze Stadt. Da diese Flächen meist nicht öffentlich zugänglich waren, wußten sie nur Pflanzen, Tiere und die in der Umgebung wohnenden Kinder als Spielplatz und Abenteuerland zu schätzen.

Seit der Wende sind diese ehemaligen ausgedehnten Ruderalflächen und Stadtbrachen unter verstärkten Nutzungsdruck geraten und meist schon wieder bebaut worden. Damit wurde dieses Biotopverbundsystem zerrissen. Es gab also schon einmal Wildnis in der Stadt, die aber weil unzugänglich von den wenigsten wahrgenommen wurde. Es wahr einfach nur un-(bekanntes)Land.

Daß Wildnisflächen mitten in der Stadt eine hohe Attraktivität besitzen, sieht man an der Anziehungskraft des NSG Südgelände. Neben der Bedeutung für den Naturschutz und die Stadtökologie (z.B. als klimatische Ausgleichsfläche) bilden derartige Areale eine Gegenwelt zur hektischen Stadtwelt. Hier gibt es im Naherholungsbereich, quasi vor der Haustür ein Stück wilde, aber trotzdem zugängliche Natur, wo keiner dran rumschnippelt und kein allgemeines Parkgetriebe herrscht und wo man einfach mal an einem Nachmittag die Seele baumeln lassen kann.
Dazu kann hier der immer mehr der Natur entfremdete Stadtmenschen lernen, wie sich die Natur selbst reguliert und wie eine vom Menschen nicht oder nur wenig beeinflußte Natur überhaupt aussieht. Und das alles, ohne mit dem Auto, wer weiß wie weit, fahren zu müssen!
Deshalb halten wir es für notwendig, den "Wildnisgedanken" gerade jetzt auch für die innerstädtische Bereiche, aber auch für unsere Stadtwälder und die ausgedehnten Fluß- und Seenlandschaften im Stadtgebiet zu propagieren. Als Vorbild kann dabei die Stadt Zürich dienen. Sie hat über 1.000 ha ihres Waldbesitzes, den sogenannten Sihlwald, aus der forstlichen Nutzung genommen und diese große Fläche einfach der natürlichen Entwicklung überlassen. Die Stadtbewohner dürfen an dieser Entwicklung teilnehmen und sind im überwiegenden Maß neugierig darauf. Gefördert wird die Neugier durch eine gute Erschließung und eine hervorragende pädagogische Betreuung durch das Stadtforstamt. Warum sollte das in Berlin nicht auch möglich sein?

Der ehemalige Leiter des Stadtforstamts Zürich, Andreas Speich, auf dessen Initiative das Projekt zurückgeht, begründete es mit folgenden Worten: "Wenn der Sihlwald wieder zum Urwald geworden ist, wird es in der dritten Welt keine Urwälder mehr geben. Sie sind dann bis auf wenige Reste abgeholzt oder verbrannt".

An diesem Punkt wird der Erhalt und Schutz von Wildnis auch zur kulturellen Notwendigkeit und politischen Verpflichtung. Im Lauf seiner Geschichte war die Wildnis immer des Menschen Feind, gegen die er sich zur Wehr setzen mußte: Raubtiere, Insekten, das Klima (Hochwasser, Dürre), Krankheiten und der Hunger bedrohten seine Existenz. Inzwischen so scheint es, haben wir die Naturkräfte weitgehend besiegt (bis auf ein paar Ausnahmen)! So sind in Mitteleuropa die Raubtiere ausgerottet, die Flüsse gebändigt (weitgehend), die Wildnis ist begradigt und parzelliert, das Land zu 99 % irgendwie genutzt. Vielleicht sollten wir jetzt, wo alles getan ist, den kläglichen Natur-Resten gegenüber Gnade walten lassen?
Denn schließlich scheint sie uns noch immer irgendwie zu faszinieren, diese wilde Natur:

  • Wieso besuchen so viele Menschen afrikanische oder amerikanische Nationalparks?
  • Wieso suchen so viele vor allem jüngere Menschen durch Wildwasserfahrten, Extremklettern oder Trekking den Kitzel der Wildnis?
  • Wieso erleben selbst die "kleinkarierten" deutschen Nationalparks einen enormen Besucherzustrom?
  • Wieso sind Fernsehfilme über die wilde Natur so beliebt beim Publikum?
Irgendwie scheint sie uns also noch immer zu faszinieren, diese wilde Natur!

Also sollten wir anfangen auch in der Großstadt oder an den Rändern der Großstadt Wildnis erlebbar zu machen! Das kostet sehr wenig. Wildnis braucht nur Fläche und Geduld (Zeit), keine Unterhaltungsmittel, keine Gebäude (Museen sind viel teurer!). Es muß nur ab und zu der Müll unbelehrbarer Zeitgenossen weggeräumt werden. Und ein bißchen pädagogische Betreuung für die neugierigen Menschen, die Wildnis erleben möchten, wäre nicht schlecht! Fangen wir es an! Unseren vom Pflastertreten müde gewordenen Seelen wird es gut tun!

Wo könnten wir anfangen:

Parkanlagen

Ca. 10-20% der Fläche von größeren Parkanlagen sollen sich selbst überlassen werden, in Abhängigkeit von Flächengröße und Struktur werden die Pflegeeingriffe minimiert.

Brachen

Besonders ausgedehnte Industriebrachen können temporäre Wildnisflächen sein und erlebbar gemacht werden.

Gewässer

An den Gewässerufern sollten Wildniszonen ausgewiesen werden. Neue Uferwanderwege helfen dort Wildnis erlebbar zu machen.
Denkbar wären hier Bereiche am Unterlauf der Spree, z.B. auf dem Gelände der Wasserwerke Jungfernheide und Tiefwerder entlang des Alten Spandauer Schiffahrtskanals, am Ufer der Müggelspree gegenüber von Klein-Venedig oder auf nicht oder nur wenig genutzten Inseln in den Seen.

Wälder

In den meisten Berliner Wäldern ist genug Platz für jeweils mehrere große Wildniszonen. Hier können unter päd. Betreuung die natürlichen Prozesse beobachtet und nachvollzogen werden (Vorbild Sihlwald/Zürich).

Autoren: M. Krauß/A. von Lührte





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