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Hintergrund: Seen und Fließgewässer in Berlin

Berlin verfügt wie kaum eine andere Großstadt über einen Reichtum an Seen und Fließgewässern. Über 6 % des Stadtgebiets von 860 km² bestehen aus Wasserflächen. Besonders die Flüsse Havel, Spree und Dahme mit ihren ausgedehnten Seen prägen in entscheidendem Maße den Charakter der die Stadt umgebenden märkischen Landschaft. Die Gewässer sind Orte der Erholung und eine Gegenwelt zum hektischen Getriebe der Stadt, die von der Bevölkerung gerne und intensiv aufgesucht werden. Auch die berühmte Berlin - Potsdamer Kulturlandschaft mit der Pfaueninsel und dem Glienicker und Babelsberger Schloßsparks bezieht ihren landschaftlichen Reiz nicht zuletzt aus ihrer Lage an der Unterhavel. Obwohl viele Uferbereiche durch Wassersporteinrichtungen, Wohn- und Gewerbebebauung unwiderruflich zerstört wurden, sind immer noch große Teile der Ufer wenigstens teilweise noch in einem naturnahen Zustand.

Besondere Bedeutung aus der Sicht des Naturschutzes haben hier die ausgedehnten Röhrichtbestände. Sie sind ein charakteristisches Element der märkischen Gewässer und prägen das Landschaftsbild. Darüber hinaus ist das Röhricht nicht nur als Lebensraum für viele bereits seltene oder gefährdete Tierarten von Bedeutung, sondern trägt auch zur Selbstreinigung der Gewässer bei und schützt die Ufer vor Erosion. Durch den Verlust an natürlichen Ufern mit Röhrichtbeständen gehen diese Gratisleistungen verloren und es wird ein kostspieliger technischer Uferschutz erforderlich.

Landseitig erstrecken sich entlang der Ufer mehr oder weniger ausgedehnte, manchmal mehrere hundert Meter breite Auwald- und Ufergehölzstreifen, oft abwechselnd mit feuchten Erlenbrüchen oder ehemaligen, heute meist verbuschten Feuchtwiesen. An wenigen Stellen gibt es noch Reste des seltenen Grauweiden-Auwalds. Im Frühjahr blüht hier an manchen Stellen noch das Scharbocksskraut oder die Sumpfdotterbume. Später im Jahr zeigen dann an feuchten Stellen die Sumpfcalla, die Wasserfeder, die Wasserschwertlilie und der Blutweiderich ihre Blüten.

Diese Uferabschnitte, obwohl meist schmal und von Uferwanderwegen oder gar Straßen wie der Havelchaussee gesäumt, sind eine richtig undurchdringliche Wildnis. Sie unterliegen keiner geregelten Nutzung und Pflege. Die Auwaldbäume können hier noch alt werden und absterben. Vom Wind werden tote und lebende Bäume umgebrochen und bleiben liegen. So gibt es am Boden Totholz in Hülle und Fülle. Einzelne Landschaftsausschnitte erinnern regelrecht an Urwälder, allerdings meist garniert mit dem überall reichlichen Zivilisationsmüll.

In den nicht so sehr vom Menschen frequentierten Gewässerbereichen leben viele seltene oder gefährdete Tierarten. So gibt es z.B. auf der Pfaueninsel und Insel Imchen in der Unterhavel je eine Kormoran- und Graureiherbrutkolonie. In der Bänke im Müggelsee, einer ausgedehnten Bucht mit großen Teichrosenfeldern und zwischen den Inseln im Seddinsee brütet die vom Aussterben bedrohte Trauerseeschwalbe. Auch der Eisvogel ist an vielen Ufern noch zu sehen und zu hören. Das Röhricht selber ist Lebensraum für viele Tierarten, z.B. Drossel- und Teichrohrsänger und Brutplatz für Haubentaucher und Bläßhuhn.

Auf der Oberhavel und im Tegeler See lebt es seit gut 10 Jahren wieder den Biber. Besonders auf den Inseln im Tegeler See und an der Bürgerablage kann man seine Fraßspuren sehen. An fast allen Gewässern mit Ausnahme des Innenstadtbereichs findet man auch die Spuren des scheuen, seltenen und vom Aussterben bedrohten Fischotters. Biber und Fischotter sind sogenannte FFH-Arten, das heißt sie sind auch im Rahmen der EU besonders geschützte Arten.

So sind diese Röhrichte und Uferstreifen eine Art lineare Wildnis entlang der Gewässer, die teilweise weit in das Stadtgebiet hineinreicht. Es sind die letzten Areale im Stadtgebiet, die der Mensch in der Vergangenheit, ähnlich wie die aufgelassenen Eisenbahngelände, an vielen Stellen sich selbst überlassen hat und die in hohem Maße, noch mehr als der Wald, einer natürlichen Entwicklung überlassen blieben.

So haben die Berliner Gewässer auch in hohem Maß eine wichtige Funktion bei der Biotopvernetzung. Durch sie werden die Auen des Spreewaldes mit denen der Havelniederung und der Elblandschaft verknüpft und bilden dadurch ein noch weitgehend intaktes Flussökosystem. Hierdurch ist für Flora und Fauna eine weitläufige Verbreitung und Wanderung möglich, die die Artenvielfalt dieser Auenlandschaft garantiert.

An den Berliner Gewässern erfolgten lediglich sanfte Pflegemaßnahmen dort, wo Ufererosion, Wellenschlag und Erholungsnutzung den Ufern zu stark zusetzen. Und niemand wollte in der Vergangenheit die versteinerten Flußufer, wie sie der Wasserbau z.B. an vielen westdeutschen Flüssen hervorgebracht hat. Wollte - muß man nun sagen, denn seit der Wende haben diese Flächen einen neuen Herrn bekommen, das Wasser- und Schiffahrtsamt des Bundes, denn Havel und Spree sind Bundeswasserstraßen. Dazu befinden sich viele Uferflächen im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland.

Inzwischen dürfen an den Ufern die alten Weiden nicht mehr zusammenbrechen und absterben. Sie werden vorher abgesägt, wie diverse Fällungsaktionen der WSA, unter anderem in diesem Winter an der Insel Eiswerder/Oberhavel belegen. Zuvor werden die Bäume aber noch mit niedlichen kleinen blauen Aluschildchen numeriert, damit man weiß, wem sie gehören!!

Es geht jedoch noch weiter! Am Müggelsee wurden vor der Gasstätte Rübezahl neue Bootsanleger für Motorboote genehmigt. Jetzt möchte der Betreiber des Lokals dort auch gleich eine Wasserskistrecke genehmigt haben. Und die WSA überlegt sich, ob man dann nicht auch gleich die ausgetonnte Fahrrinne für Motorboote auf dem Müggelsee aufheben könnte, und den See gänzlich für Motorboote wieder freigeben könnte. Dies ist nur ein Ausschnitt all der Begehrlichkeiten, die tagtäglich auf die Ufer einstürmen. So geht scheibchenweise der letzte Rest von Natur sprichwörtlich den Bach, bzw. Havel oder Spree, runter.

Da europaweit nur noch etwa 10 bis 20 % der ökologisch so besonders wertvollen Ufer- und Auenlandschaften erhalten sind, sind diese Reste besonders schützenswert. Tatsächlich sind sie jedoch durch die beschriebenen menschlichen Eingriffe, sowie durch Grundwasserabsenkungen, Aufstauung, Begradigung Befestigung der Ufer für die Schiffahrt und übermäßige Erholungsnutzung erheblich bedroht.

So ist die unwiederbringliche Zerstörung eines Großteils der im ostdeutschen Raum verbliebenen Flussauen - wozu auch die Havel gehört, nur eine Frage der Zeit, wenn dieser Prozess so weiter geht. Das "Verkehrsprojekt 17" wird diesen Prozess noch beschleunigen. Es sieht ja bekanntermaßen die Angleichung der Wasserstraßen nach Berlin an den westeuropäischen Standard vor, das heißt Befahrbarkeit für große Rheinschiffe. Dieser Ausbau betrifft 280 Kilometer Wasserweg von Wolfsburg nach Berlin, wobei die Wassertiefe auf vier Meter und die Fahrrinne auf 42 Meter (beziehungsweise bis auf 70 Meter in den Kurven) ausgebaggert werden soll.

Zwar wurde die Havel auch schon Ende des 19. Jahrhunderts in Teilabschnitten kanalisiert und gestaut. Die Eingriffsintensität war aber aufgrund der technischen Möglichkeiten und der moderaten Schiffsgrößen relativ gering, so dass trotz dieser Eingriffe der Fluss immer noch als naturnah bezeichnet werden kann. Im Zuge des Projekts 17 jedoch müssen die Ufer wegen des Wellenschlags der Großschifffahrt mit Steinschüttungen oder Spundwänden befestigt werden. In den Seengebieten ist an den röhrichtbestandenen Ufern mit starken Beeinträchtigungen zu rechnen. Durch die starke Verbreiterung des Flussquerschnitts an Engstellen, wie dem Sacrow-Paretzer Kanal wird der Grundwasserpegel abfallen und der charakteristische Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser wird stark reduziert. Dies zieht eine weitreichende Austrocknung der Feuchtgebiete nach sich, wodurch eine völlig andere Landschaft entstehen wird - mit anderer Vegetation und bei weitem nicht so artenreich.

Die Modernisierung der Uferbefestigung und -abbagerung greifen in sensible Lebensbereiche von Fischen und Wasservögeln ein. Eine einheitliche Ufergestaltung verringert die Artenvielfalt in den für Flora und Fauna gleichermaßen bedeutsamen Land-Wasser-Grenzbiotopen; so können zum Beispiel Biber an den in triste Kanallandschaften verwandelten Ufern weder ihre Burgen bauen, noch Nahrung finden.

In Anbetracht der Tatsache, dass der bereits vorhandene Schiffsraum so weit über dem Bedarf liegt, dass die Bundesrepublik Deutschland Abwrackungen prämiert und ein explosionsartiger Zuwachs im Massengüterverkehr aus vielerlei Gründen per Schiff nicht zu erwarten ist, ist der ökologische Preis eindeutig zu hoch! Der BUND kämpft um den Erhalt dieser einzigartigen Gewässerlandschaft, um auch hier ein "großes langgestrecktes" Stückchen Wildnis zu bewahren.





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